Du stellst meine Füße auf weiten Raum!

Am Donnerstag, den 01.07.2021 fand unter dem Motto des oben stehenden Psalmspruchs (Psalm 31,9) der Gottesdienst für die Abiturientinnen und Abiturienten statt. Der zur Schultradition gehörende Gottesdienst fand in einem würdigen, wenn auch eingeschränkten Rahmen in der Kirche der St. Albertus-Gemeinde statt und wurde geleitet von Schulpfarrerin Sabine Roth-Nagel zusammen mit dem Zeremonienteam der Fachschaft Religion, denen an dieser Stelle für ihren schönen und würdigen Abschlussgottesdienst ein aus- und nachdrückliches Dankeschön gebührt!

Impressionen

Der Psalmspruch

Dem Psalm nach, so Sabine Roth-Nagel, eröffneten sich jenen, die ihr Leben vertrauensvoll in Gottes Hände legen, eine Welt der Weite und Möglichkeiten. Ein solches Angebot sei vor allem nach diesem entbehrungsreichen Jahr der Pandemie gerade für junge Menschen, die nun auf dem Sprung seien in ein selbstbestimmtes Leben, ein besonders reizvolles, weshalb dieser Psalmspruch auf der Suche nach einem geeigneten Thema sofort verfangen habe. Nach all den Einschränkungen das Leben als einen weiten Raum erfahren zu können, in dem man sich frei bewegen und den man gestalten kann!? Das wäre schon was!

Passend zum gewählten Thema und dem Sujet der „Kraft des Wandels“ das diesjährige MISEREOR-Hungertuch der Künstlerin Lilian Moreno Sánchez. „Im Zentrum des Bildes steht ein Röntgenbild, das den gebrochenen Fuß eines Menschen zeigt, der in Santiago de Chile bei Demonstrationen gegen soziale Ungleichheit durch die Staatsgewalt verletzt worden ist. Das Bild ist auf drei Keilrahmen, bespannt mit Bettwäsche, angelegt. Der Stoff stammt aus einem Krankenhaus und aus dem Kloster Beuerberg nahe München. Zeichen der Heilung sind eingearbeitet: goldene Nähte und Blumen als Zeichen der Solidarität und Liebe. Leinöl im Stoff verweist auf die Frau, die Jesu Füße salbt (Lk 7,37f) und auf die Fußwaschung (Joh 13,14ff ).“

Rolf Weinreich zu dem Fuß auf dem Hungertuch,
der „nicht einfach so geröntgt“ wurde, …

Das Bild entstand, weil er gewaltsam gebrochen wurde, zerschlagen von „Sicherheitskräften“ im Dienste einer autoritären Regierung, die das eigene Volk bekämpft.

Wenn wir in unserem Alltag einen Menschen sehen würden mit einem solcher Art gebrochenen Fuß, wie er auf dem Hungertuch abgebildet ist, würde wir wahrscheinlich denken: „Pech gehabt! Zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen!“ –. „Da wird wohl ein Unfall passiert sein. Vielleicht eine unglückliche Bewegung beim Sport. Oder eine Unachtsamkeit im Straßenverkehr? Naja, sowas kommt halt vor. Zur falschen Zeit halt am falschen Ort gewesen.“ 

Was mich an diesem Hungertuch und an diesem gebrochenen Fuß beeindruckt, ist: dieser Fuß, dessen Verletzung auf dem Röntgenbild zur Grundlage des Hungertuchs wurde, hat gerade zur RICHTIGEN Zeit am RICHTIGEN Ort gestanden. Der Platz, auf dem die Demonstranten in Santiago di Chile im Oktober 2019 gegen soziale Ungerechtigkeiten demonstrierten, diesen Platz nannten sie: „Platz der Würde“.

Und dieser Fuß stand da auch nicht zufällig herum, sondern ER STAND FÜR ETWAS EIN, er stand für das RICHTIGE ein, für ein Leben in Würde, für den aufrechten Gang – und sei es mit einem gebrochenen Fuß.

Und er war sich des Risikos bewusst, dem er sich damit aussetzte, darin war er sich einig mit den anderen Demonstranten, mit den über 1000 Verletzten, die im Anschluss an diese Demonstrationen zu beklagen waren, mit den über 7000 Verhafteten, die ihr Eintreten für die Würde erstmal mit ihrer Freiheit bezahlten.

Und unwillkürlich stelle ich mir die Frage: Wo hätte ich gestanden? Wo stehe ich? Wofür stehe ich ein? Bin ich am Start, wenn es die Mutigen braucht, denen die Würde das Risiko einer Verletzung wert ist, und sei es auch nur ein abfälliger Blick oder ein Hasskommentar, ganz zu schweigen von körperlicher Gewalt.

Mir gefällt der Gedanke, dass JEDER Platz zu einem „Platz der Würde“ werden kann, wenn die richtigen Füße auf ihm stehen. Jedes Klassenzimmer, jeder Winkel des Schulhofs, jede Dönerbude, jedes Schwimmbad und jeder Arbeitsplatz. Nur dass man halt bereit sein muss, den Preis dafür zu zahlen.

Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen, wenn es gilt, den „Platz der Würde“ in meinem Alltag zu verteidigen?

Dieser Fuß auf dem Hungertuch jedenfalls hat seinen Preis bezahlt. Die Gewalt ist in ihn eingeschrieben.

Und doch hat sie nicht das letzte Wort. Die Linien, die zunächst die Wunde des gebrochenen Fußes abbilden, werden auf dem Hungertuch zu einem Manifest schwingender Leichtigkeit. Wie eine Verheißung. Wie eine Prophezeiung. Wie eine graphische Umsetzung der Gewissheit des Psalmisten:

„Du stellst meine Füße auf einen weiten Raum!“

Der „Platz der Würde“ – das ist jedenfalls ein solcher weiter Raum. Und Gott gebe, dass meine Füße, dass unsere Füße, dass eure Füße, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, auf denen ihr jetzt ins Leben geht, ihn immer finden, diesen Platz der Würde, dass ihr auf ihm eintretet für den aufrechten Gang ALLER Menschen, trotz des Risikos, weil es den aufrechten Gang OHNE Würde – nicht gibt!

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