Refugium und Atelier

aus der Gießener Allgemeinen vom 19.08.2019; Bildquelle: csk

Gießen (csk). Häppchen vermisst eigentlich niemand. Die Gäste der Ricarda-Huch-Schule (RHS) bekommen am Samstagnachmittag etwas viel Besseres auf die Hand: frische Mirabellen mit Lavendelblüten. Gerade hingen sie noch am Baum im Schulgarten, nun dienen sie den Besuchern bei der „Offenen Pforte“ der Lokalen Agenda 21-Gruppe „Urbane Gewässer und Gärten“ als thematisch passender Snack.

Von diversen Gemüsebeeten und einem Ginkgobaum über den Fischteich bis zum selbst gebauten Insektenhotel reichen die Attraktionen. Keine Frage, die knapp 645 Quadratmeter gleich neben dem Schulhof werden liebevoll gehegt und gepflegt – und sehen deshalb aus, „als wäre es immer so gewesen“, wie Silvia Lange von der Agendagruppe sagt.

Es war aber nicht immer so. Vor drei Jahren verpassten die Agenda 21, die Gesellschaft für Integration, Jugend und Berufsbildung (IJB), das städtische Gartenamt und die RHS dem traditionsreichen Refugium eine dringend benötigte Frischzellenkur. Nach Originalplänen von 1907 entstand die grüne Oase in ihrer jetzigen Gestalt. Der Schulgemeinschaft dient sie heute unter anderem als Freiluft-Klassenzimmer, als Atelier und Inspirationsquelle im Kunstunterricht sowie als hauseigener Lieferant von Lebensmitteln. Neulich habe zum Beispiel ein Kurs das Thema „Heimisches Gemüse“ genutzt, um eine „Ricarda“-Kürbissuppe zu kochen, erzählt Lehrerin Andrea Maaß. Zutaten für weitere Kochkurse finden sich genug. Tomaten gedeihen an der RHS genauso prächtig wie Mangold, Wirsing, Himbeeren, und, und, und. Im Allgemeinen werde verarbeitet, was angebaut wurde, nicht andersherum, erklärt Maaß. Doch wenn man schon so fragt: „Ein paar mehr Kräuter wären gut. Die werden ja überall gebraucht.“ Thomas Höke (IJB) betont wenig später, dass Kräuter im Schulgarten ohnehin einen hohen Stellenwert genießen. Unkraut wachse dort erst gar nicht – für den geschulten Blick handele es sich entweder um „Kulturbegleitpflanzen“ oder eben um „Wildkräuter“.

Solche Prämissen ließen die Jugendlichen ihre Lebensmittel künftig ganz anders wertschätzen, meint Höke. Im Schulgarten könnten sie die Nahrung beim Heranziehen sehen, fühlen, schmecken. Und so im besten Falle lernen, „dass Gemüse nun mal nicht bei Edeka wächst“. Was in keinem schuleigenen Kochtopf landet, nutzt neuerdings übrigens die IJB selbst für allerlei schmackhafte Kreationen. Selten dürfte der Slogan „Regional und saisonal“ glaubwürdiger gewesen sein. Zu erfahren ist das am Donnerstag wieder anhand der beliebten Mangold-Röllchen.

Sehen, fühlen, schmecken

Bei den Schülern erfreut sich der Schulteich größter Beliebtheit. Er bildet in mancherlei Hinsicht den Mittelpunkt des Gartens – und ist sogar belebt. Die Annahme, die „Ricarda“-Goldfische könnten eingehen oder selbst zur Nahrung für ungebetene Besucher werden, hat sich bisher jedenfalls nicht bestätigt. Im Gegenteil: Die Fische werden mehr. Dem einen oder anderen dienten sie bereits als Modelle. Im vergangenen Jahr hätten mehrere Klassen den Garten zum Atelier gemacht, berichtet Kunstlehrerin Katharina Schreiber. „Freiluftmalerei bei van Gogh“ hieß beispielsweise das Thema der ehemaligen 6c.

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