Das Elsass – ein ehemals umkämpftes Gebiet

sDie Niederbronn-Fahrt der Leistungskurse Französisch und Geschichte

Text und Bilder: Denise Lehtisaari (Abb. oben: Der Eingang zum KZ Natzweiler/ Struthof von innen)

Im Elsass findet man auch das einzige KZ auf französischem Boden (Natzweiler/Struthof). Es wurde 1941 erbaut. Mit diesem Projekt wollten wir erreichen, dass unsere SchülerInnen mehr über die deutsch-französische Geschichte erfahren und sich mit anderen Jugendlichen über ihre Erkenntnisse austauschen können. Der LK Französisch sollte dafür seine Kenntnisse der französischen Sprache nutzen, z.B. auch für französische Quellen aus jener Zeit (Tagebücher, Plakate…).
Die beiden Leistungskurse Französisch und Geschichte der Ricarda-Huch-Schule Gießen unternahmen mit ihren Lehrerinnen, Frau Lehtisaari und Frau Terno, eine dreitägige Studienfahrt (7.-9.9.2017) nach Niederbronn-les-Bains ins Elsass. In Niederbronn (ca. 50 km nördlich von Straßburg) befindet sich die Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Albert-Schweitzer.
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Unsere Jugendherberge in Niederbronn

Träger ist der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK), der sich um die Pflege der dortigen Kriegsgräber kümmert. Der VDK Hessen unterstützte unser Projekt ebenfalls mit einer Geldspende.

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Der deutsche Soldatenfriedhof

Das Elsass war eine Region, um die sich Deutschland und Frankreich in verschiedenen Kriegen stritten (1870-1871, 1914-1918, 1939-1945). Viele Kriegsgräber und Bunkerreste zeugen von dieser Zeit. Hier verlief die Maginot-Linie (1930-1940 erbaut). Wir besuchten hier den Simserhof.

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Ein Eingang zu der unterirdischen Festungsanlage
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Ein Geschützturm
Im Elsass findet man auch das einzige KZ auf französischem Boden (Natzweiler/Struthof). Es wurde 1941 erbaut.
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Die Gaskammer
Mit diesem Projekt wollten wir erreichen, dass unsere SchülerInnen mehr über die deutsch-französische Geschichte erfahren und sich mit anderen Jugendlichen über ihre Erkenntnisse austauschen können. Der LK Französisch sollte dafür seine Kenntnisse der französischen Sprache nutzen, z.B. auch für französische Quellen aus jener Zeit (Tagebücher, Plakate…).
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Der Leistungskurs Französisch in Strasbourg
Wichtig ist zu verstehen, wieso man sich mit der Vergangenheit beschäftigen sollte und warum ein Austausch darüber so wichtig ist, gerade im Hinblick auf die Zukunft Europas.
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Kreatives Schreiben mit Autoren – Hessischer Fachtag Literatur und Schule

Aus der Ricarda-Redaktion | Text und Bilder Olaf Dinkela

„Mensch, das ist ja Hogwarts“. Sichtlich beeindruckt zeigte sich die Autorin Eva Demski schon bei unserem gemeinsamen Gang vom Parkplatz zum Tagungsort, dem Schloss Rauischholzhausen. Was die erhabene Kulisse von außen verspricht, löst sie im Inneren spielend ein. Fazit daher schon hier und vorab: auf Schloss Rauischholzhausen kann man nicht nur formidabel Hochzeiten feiern, auch einer Fachtagung zum Thema Kreatives Schreiben verleiht es ein Ambiente, das feierlich und zugleich auch inspirierend ist. Nun, urteilen Sie selbst.

DSCF7340Im Vordergrund des Bildes sehen wir inmitten des Trubels in bester Wiener Kaffeehaus Manier die Frankfurter Autorin Eva Demski und die Lyrikerin Silke Scheuermann.

Geladen hatte zu dieser Veranstaltung des Hessischen Kultusministeriums, des Büros für Kulturelle Bildung und dem Arbeitskreis Literarisch aktiver Schulen in Hessen, dem wir angehören, Frau Dr. Erika Schellenberger, mit der wir schon seit einigen Jahren freundschaftlich und über die von ihr initiierten Projekte (Schreibkunst I & II) verbunden sind. Was sie anpackt, in ihrem ungebändigten Willen und Wunsch nach Perfektion (Eva Demski über Erika Schellenberger und ihrer Gabe, am Ende immer das zu erreichen, was ihr vorschwebte: „Diplomatie und Sturheit amalgamieren bei ihr zu einem besonderen Talent“), bekommt am Ende immer diesen gewissen Touch von Glamour und Würde, sie bringt sie alle irgendwie zusammen, von der „Premiere League der Deutschen Literatur“, über die Ebene der Ministerialbürokratie bis hin zu uns, den Lehrern, den Multiplikatoren humanistischer Bildungsgüter.

Dass wir uns überhaupt mit der Förderung des Kreativen Schreibens auseinandersetzen, sei eine Notwendigkeit, so der zuständige Referent für Kulturelle Bildung des Hessischen Kultusministeriums Marcus Kauer in seinen Grußworten an die Anwesenden, die man in Zeiten der Überhöhung linearen Denkens nicht hoch genug bewerten könne. Die Umwege und Abwegigkeiten seien es, die uns zu dem Besonderen, dem Überraschenden und Innovativen führten. Dass künstlerisches Denken Innovation bewirke, habe er etwa bei der Künstlerin und Professorin im Bereich des interdisziplinären Arbeitens an der TU Dortmund Ursula Bertram gelernt, die ihren Studenten zur Erhärtung der soeben aufgestellten These Arbeits- und Denkimpulse wie jenen gäbe: „Erschaffen Sie das Gegenteil von einem Frosch!“

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In den vergangenen Jahren haben wir mit interessierten Schülerinnen und Schülern an verschiedensten Tagungen und Workshops teilgenommen, haben selbst welche ausgerichtet, es wurden Texte geschaffen, die u.a. in der Anthologie „Der Gurkenmann und andere Geschichten“ erschienen sind. Dabei waren immer die große Namen der deutschen literarischen Zunft. Waren es in der Vergangenheit also vornehmlich die Schülerinnen und Schüler, die wir forderten, waren nun wir Lehrer dran. In vier Workshops arbeiteten die Autorinnen und die Autoren Silke Scheuermann, Eva Demski, Dominique Macri, Dalibor Markowic und Sherko Fatah zusammen mit uns Lehrern, um uns anhand praktischer Beispiele zu zeigen, wie sie ihren eigenen kreativen Schaffensprozess gestalten, von welchen Impulsen sie sich leiten lassen, mit welchen Fallstricken sie selbst zu kämpfen haben.

Wir arbeiteten in unserer Gruppe mit Sherko Fatah zusammen, auch deshalb, weil wir mit Silke Scheuermann und dem Team Macri-Markowic alias Team Scheller bereits fruchtbar zusammengearbeitet hatten und Lust auf Neues hatten. Er, Fatah, der deutschsprachige Autor mit den kurdisch-irakischen Wurzeln, wie er selbst betont, habe gewisse Eigenheiten beim Schaffensprozess kultiviert, die ihn zu einem recht eigenen literarischen Genre geführt haben: dem dokumentarischen Roman, der eigentlich ein solcher gar nicht sein will, und der sich erlaubt, aus der Faktizität des tatsächlich Gewesenen herauszutreten und aus der Collage der journalistischen Recherchearbeit ganz eigene Stoffe zu weben. Er hat uns gezeigt, dass man das Geschehen eines Romans durchaus planen müsse, aber beileibe nicht von Anfang an. Er zeigte uns in diesem Zusammenhang eine minutiös ausgefeilte Skizze des narrativen Ganges eines noch nicht veröffentlichten Romans, stellte aber für uns und sich aber auch klar, dass wenn er eines Tages anfinge, eine solche Skizze bereits vor dem Schreiben anzufertigen, dann sei dies der Endpunkt seines Daseins als Schreibender.

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Am Ende des Fachtages hielten die geladenen Autoren vor der geneigten Zuhörerschaft und noch immer – aber noch nicht erwähnt – an- und abmoderiert vom charmanten Poetry-Slam-Duo „Team Scheller“ (Dominique Macri und Dalibor Markowic) eine „dialogische Lesung“, die ob der anfänglichen Überforderung mit dem von Erika Schellenberger gewählten Vortragsmodus zu einer „Schweigung“ gerierte, wie Dalibor Markowic selbstironisch anmerkte. Letztlich kamen sie aber doch noch in Gang und hatten dabei, wie man auf dem letzten Bild hier erkennen kann, auch überwiegend ihren Spaß.

Um 20:00 Uhr ging der Fachtag dem Ende zu und von der Szenerie veraschiedeten sich im Namen der Ricarda sehr inspiriert, erfüllt aber auch geschafft die KollegInnen Andrea Maaß, Jenny Hess, Luisa Blasig und Olaf Dinkela.

Exkursion – Ausstellung „Der Weg der Sinti und Roma“

SchülerInnen der Leistungskurse Geschichte (Terno) und Französisch (Lehtisaari) besuchen die  Ausstellung „Der Weg der Sinti und Roma“ im Gießener Rathaus.

Die Ausstellung des Landesverbandes Hessen des Verbandes Deutscher Sinti und Roma thematisiert die kontinuierliche Ausgrenzung und Verfolgung von Sinti und Roma seit ihrer Ankunft im deutschsprachigen Raum vor über 600 Jahren. Neben dem Völkermord im Nationalsozialismus behandelt die Ausstellung auch die Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti und Roma seit den 1980er Jahren bis heute.

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Für die fachkundige Führung am danken die Schülerinnen und Schüler mit ihren begleitenden Lehrerinnen Herrn Rinaldo Strauß ausdrücklich.

Impulse zum Klimaschutz gegeben

Aus dem Gießener Anzeiger vom 27.10.2017
Bildquelle: Kamper

AUSGEZEICHNET Schüler der Ricarda-Huch-Schule und der Gesamtschule Gießen-Ost für Engagement mit Urkunde prämiert

GIESSEN – (pck). „Die Natur kommt ohne uns aus, wir aber könnten ohne eine intakte Natur nicht existieren.“ Mit diesen Worten hat Werner Nissel, Schulleiter der Ricarda-Huch-Schule, am Freitagmittag neben dem Projektkurs der Ricarda-Huch-Schule auch den Erdkunde-Leistungskurs der Gesamtschule Gießen-Ost begrüßt.

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Der Weltladen Gießen hatte an den Gießener Schulen einen Wettbewerb zum Thema „Klimaschutz“ ausgerufen. Die Schülergruppen entwickelten hierzu eigene Projekte, die nun vorgestellt wurden. Der Erdkunde-Leistungskurs der Ostschule erarbeitete im Rahmen der „Vorhabenwoche 2017“ den Flyer „Fair und nachhaltig einkaufen in Gießen“, der sich vor allem an Schüler richtet und auf der Schulhomepage heruntergeladen werden kann. Wie die Projektwoche verlief und welche Aspekte im Mittelpunkt ihrer Arbeit standen, stellte der Kurs in einem kurzen Vortrag dar. Ebenso die Schüler der Ricarda-Huch-Schule, die in einem von ihnen gedrehten Film auf das Problem der Müllproduktion und deren Auswirkungen auf die Umwelt aufmerksam machten.

Im Anschluss an die Projekt-Präsentationen überreichte Angelika Körner von der Initiative Weltladen Gießen den Schülern beider Schulen für ihr Engagement im Bereich Klimagerechtigkeit eine Urkunde. Lob ernteten diese auch von Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser sowie von Nachhaltigkeits-Expertin Barbara Baumann und Professor Dieter Eißel, die als Laudatoren geladenen waren. Während Eibelshäuser in ihrer Rede vor allem auf die Auswirkungen des Klimawandels in Afrika hinwies, schlug Baumann Brücken zu anderen Umwelt-Projekten in Gießen. „Wer von Euch kann zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule kommen?“ Mit dieser Frage gab Baumann den Schülern einen weiteren Impuls zum Thema Klimaschutz mit auf den Weg. Einen krönenden Abschluss fand die Veranstaltung mit dem Auftritt der „Sosolya Undugu Dance Academy“ aus Uganda. Die Tanzgruppe tourt aktuell im Rahmen der KinderKulturKarawane, einer Initiative zur Förderung des interkulturellen Austauschs, durch deutsche Schulen und Jugendzentren. Mit rhythmischen Klängen und landestypischen Kostümen begeisterte die Gruppe das Publikum. Passend war ihr Auftritt vor allem deshalb, da die KinderKulturKarawane in diesem Jahr unter dem Motto Klimagerechtigkeit steht und in den Gesängen und Tänzen unter anderem Natur und Umwelt thematisiert werden.

Experiment in der Schule: Wie lebe ich mit Behinderungen?

Aus der Giessener Allgemeinen vom 05.10.2017
Text: Armin Pfannmüller
Bildquelle: Schepp (Der Slalom im Rollstuhl gehört zu den acht Stationen des Projekttags an der Ricarda-Huch-Schule.)

»Kann mal jemand Licht machen?«, fragt Marvin genervt. Der Sechstklässler versucht, sich im stockdunklen Raum zu orientieren und eine Schraube zu ertasten. »Wir gucken mit den Fingern«, antwortet Achim Kraft. Das Licht bleibt aus. Kraft ist seit 19 Jahren blind. Er besucht die Stufe sechs der Ricarda-Huch-Schule seit vielen Jahren im Rahmen der Unterrichtseinheit »Menschen mit Behinderung«.

Am Donnerstag hatte der Mann, der regelmäßig »Dark Dinner« veranstaltet, nicht nur Blindenhund Joda mit an die kooperative Gesamtschule gebracht, sondern weitere Experten für unterschiedliche Handicaps. An einem Parcours mit acht Stationen lernten die RHS-Schüler mehr über Gebärdensprache, den Umgang mit dem Rollstuhl, wie man mit einem Blindenstock umgeht, wie man eine Tastatur ohne Hände bedienen kann und wie man im Dunkeln Gehörmemory und Blindendomino spielt oder eine Schraube samt Unterlegscheibe in einem Holzstück befestigt.

Freude statt Mitleid

Zu Gast an der Ricarda-Huch-Schule waren auf Krafts Vermittlung Mitglieder des Vereins »GIPS S&L«. Der Name steht für »Gehandicapten Informatie Project Schoelen Spelen & Leren« und verdeutlicht, dass der Verein in den Niederlanden gegründet wurde. »Wir wollen kein Mitleid, wir wollen Mitfreude«, sagte der 2. Vorsitzende Horst Boltersdorf bei der Begrüßung der Kinder.

Der 65-Jährige ist vor zehn Jahren erblindet und konnte danach seinen Beruf als Manager im Einzelhandel nicht mehr ausüben. Seitdem ist er mit seinem Team in der Region Aachen, dem Sitz des Vereins, zweimal wöchentlich an Schulen unterwegs. »Wir haben im vergangenen Schuljahr mehr als 1000 Kinder und 400 Erwachsene über verschiedene Behinderungen informiert und wie man mit den unterschiedlichen Hilfsmitteln umgehen kann«, berichtete Boltersdorf.

Direkt und ohne Scheu

Das Ziel, Kindern am praktischen Beispiel zu zeigen, wie man mit einer Behinderung leben kann, verfolgt man auch an der Ricarda-Huch-Schule seit Jahren. Die RHS-Lehrkräfte Christine Schäfer und Ralf Kostorz erleben immer wieder, wie Sechstklässler direkt und ohne Scheu mit den unterschiedlichen Handicaps umgehen. Sie lernen im Rollstuhl von Ursula Mühlenbeck, wie man im Sitzen eine Tür öffnet oder einen Bordstein überwindet, erfahren von Chris Faessen, dass 1586 das erste Fingeralphabet erfunden wurde und dass Gebärdensprache national unterschiedliche Ausprägungen hat. »Es kribbelt«, sagt Leon und spürt, wie mit Handschuhen und kleinen Stromstößen die Krankheit Parkinson simuliert wird.

Wenn es nach Achim Kraft geht, bleibt das Gastspiel an der RHS, einem Vorreiter in Sachen Aufklärung und Barriereabbau, keine Eintagsfliege. Der Grüninger (Achim.Kraft@Darkdinner-giessen.de) sucht Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Behinderung, mit denen er ähnlich wie der Verein »GIPS« Informationsbesuche im Raum Gießen anbieten kann.

Stolz statt Vorurteil

Aus der Gießener Allgemeinen vom 04.10.2017
Text: Armin Pfannmüller
Bildquelle: Schepp

Als Martin Luther im Jahre 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, hätte er sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass diese Aktion 500 Jahre später als Vorbild für ein Projekt dienen würde, an dem auch Schüler der Ricarda-Huch-Schule teilnehmen.

Überlegt euch erst einmal genau, wie ihr das jetzt filmen wollt.« Konzentriert schauen acht Zwölftklässler auf Sara Bhatti. Die Fernsehreporterin des Hessischen Rundfunks ist an diesem Tag als Mediencoach an der Ricarda-Huch-Schule. Die kooperative Gesamtschule hat sich an dem Schülermedienprojekt »#95 neue Thesen« des HR beteiligt und gehört zu den zwölf Schulen in Hessen, die sich bei dem Wettbewerb durchgesetzt haben. Auch an der Ricarda geht es unter der These »Identität braucht Stolz statt Vorurteil« um Religion, Gaube und Werte. Statt Buße und Ablasshandel stehten bei den Oberstufenschülern sexuelle Orientierung, Ernährungsverhalten und Musikgeschmack im Vordergrund. Auch das Medium der Auseinandersetzung hat sich verändert. Statt eines schriftlichen Anschlags an der Schlosskirche zu Wittenberg nutzen die Projektteilnehmer Kamera, Handy und Internet.

Die Idee zur Teilnahme am HR-Wettbewerb entstand jedoch an einem Büchertisch. Vor einem halben Jahr hatten Sonja Herbener und Marco Weisbecker, die das Projekt als RHS-Lehrer betreuen, Literatur zum Thema »Sexuelle Identität« bereitgestellt. Daraus entwickelte sich ein kurzer Videobeitrag, den die Schüler beim Hessischen Rundfunk einreichten und mit dem Erfolg hatten.

Momentan versuchen Mila, Jan, Jessie und Co. Beiträge zu Themen wie Feminismus und Bisexualität, aber auch über Heavy-Metal-Fans, Vegetarier und Veganer zu entwickeln. Dabei geht es zum einen um inhaltliche Schwerpunkte, aber auch darum, in welcher Form die Beiträge präsentiert werden. »Die Schüler sollen einen Pageflow entwickeln und dabei eine digitale Geschichte erzählen«, erklärt Bhatti. Mit Video- und Audiobeiträgen, Texten und Fotos sollen Sequenzen erstellt werden, die als kurze Clips präsentiert werden und im Internet zur Diskussion anregen sollen. »Ich schiebe die Schüler in die richtige Richtung«, erläutert die Fernsehmoderatorin ihre Aufgabe.

Um die digitale Diskussion in Gang zu bringen, haben die Zwölftklässler Thesen aufgestellt. »Feministinnen sind Männerhasser«, »Metal-Fans sind böse« oder »Bisexuelle können sich nicht entscheiden« lauten einige der provokanten Aussagen, die die Schüler in den kommenden Wochen auf den Prüfstand stellen. Derzeit überlegen die Jugendlichen, mit wem sie Interviews zu welchem Thema führen können, wann ein Text- oder vielleicht doch ein Videobeitrag das Mittel der Wahl sein könnte. »Die Schüler sind hochmotiviert«, unterstreicht Weisbecker, hebt aber auch die wichtige unterstützende Rolle des Hessischen Rundfunks hervor.

»Das Thema Identität betrifft jeden«, sagt Mila und freut sich auf die Arbeit mit Menschen, die »vielseitig und vielschichtig« sind. Auch Jan ist überzeugt von der Projektarbeit, »weil viele Menschen einfach abgestempelt werden«. Erst durch umfassende Information lasse sich »das Wollknäuel von Vorurteilen« entwirren.

Für Direktor Werner Nissel ist das RHS-Projekt ein »wichtiger Baustein zur Medienbildung«, aber auch ein inhaltlicher Beitrag zur Entwicklung von Wertvorstellungen. Abschluss und Höhepunkt wird eine Diskussion Anfang Februar 2018 im Hessischen Rundfunk sein, die live im Internet übertragen wird. Dabei werden die Schüler mit dem HR-Intendanten und Vertretern des Kultusministeriums ihre Argumente zum Thema Toleranz gegenüber anderen Positionen austauschen.

Pfandbecher statt Müllberg

Aus dem Gießener Anzeiger vom 24.09.2017

UMDENKEN „Tag der Regionen“ am Kirchenplatz unter dem Motto „Wer weiter denkt, nutzt Mehrweg“

GIESSEN – (ebp). Aus dem Stadtbild sind sie nicht mehr wegzudenken: Coffee-to-go-Becher, die nur wenige Minuten nach dem Kauf im Mülleimer oder auf dem Gehweg landen. Zum bundesweiten „Tag der Regionen“, der am Samstag auch auf dem Kirchenplatz gefeiert wurde, hatten die Veranstalter 500 der kleinen Umweltverschmutzer fein säuberlich an einer Schnur aufgefädelt und den Stadtkirchturm hinabgeseilt. 500 Einwegbecher – diese Menge an Müll könnte durch einen einzigen Mehrwegbecher ersetzt werden. Und dass die Gießener ihren Kaffee bald nur noch aus den umweltfreundlicheren Mehrwegbechern trinken, darauf hoffen die Schüler der Ricarda-Huch-Schule.

Seit zwei Jahren schon beschäftigen sie sich im Unterricht mit der Wegwerfmentalität innerhalb der Bevölkerung, und was man dagegen tun kann. „Die Menschen möchten es so bequem wie möglich haben“, hat „Ricarda“-Lehrer Christian Schmidt festgestellt. Die eigene Tasse mitbringen oder den Mehrwegbecher wieder bei genau dem Bäcker zurückgeben, wo er auch gekauft wurde? Viel zu kompliziert. „Mehrweg für Gießen“ will mehr. „Sie können Ihren Kaffee bei Bäcker A kaufen und den Becher bei Bäcker B zurückgeben – eben wie bei einer Pfandflasche“, erklärte Michael Bassemir vom „Büro für Bürgerbeteiligung“.

Bäcker machen mit

Dass im Bereich der Einwegbecher ein Umdenken angebracht wäre, das machte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz in ihrer Eröffnungsrede deutlich: „300 000 Becher werden deutschlandweit pro Stunde verkauft – ich wollte es selber nicht glauben.“ Doch von heute auf morgen lässt sich das Mehrwegprojekt nicht umsetzen. „Das ist eine logistische Herausforderung“, gab Walter Kwartnik, Obermeister der Bäckerinnung Gießen, zu bedenken. Doch die Organisation unterstütze das Projekt der Ricarda-Schüler, ebenso wie die Stadt. Auch die angesprochenen Filialbäcker hätten bereits ihre Bereitschaft signalisiert, das System nutzen zu wollen. Etwas aufwändiger sei Mehrweg schon, räumte Christian Schmidt ein. „Aber es ist für einen guten Zweck.“ Noch wird es aber etwas dauern, ehe die Mehrwegbecher tatsächlich beim Bäcker zu finden sein werden – im nächsten Frühjahr aber könnte es so weit sein.

Auch an anderen Ständen stand das Thema Müllvermeidung im Fokus – passend zum Motto der Veranstaltung: „Wer weiter denkt, nutzt Mehrweg“. Das Wohnheim „Sonnenstraße“ aus Biebertal zeigte, wie man aus alten Milchkartons Lampenschirme bastelt. Es lohne sich, einen „Blick in den Gelben Sack zu riskieren, um zu schauen, was noch gebraucht werden kann“, sagte Werkstattleiter Thomas Kompe. Die Agenda-Gruppe „Textilbündnis“ informierte über faire Textilien und hauchte ausrangierten Stücken neues Leben ein. Passanten durften sich außerdem über frisches Grün für die Wohnung oder den Garten freuen. Denn die Agenda-Gruppe „Lokale Gewässer und Gärten“ verschenkte Blumenzwiebeln und Ableger. „Das sind ja auch Lebewesen, die sollte man nicht einfach in die grüne Tonne werfen“, findet Andreas Paetow, der zusammen mit seinen Mitstreitern die Pflanzenbörse organisiert hat. Besonders beliebt, vor allem bei den jungen Besuchern auf dem Kirchenplatz, waren die beiden Rhönschafe, die Christiane Janetzky-Klein im Gepäck hatte. Ihr sei es eine „Herzensangelegenheit, dass die Menschen sehen, dass auch in Gießen Landwirtschaft existiert“. Doch die Tiere seien „Nutztiere und keine Kuscheltiere“ und könnten Fleisch, Wolle und Felle liefern. Die beiden mitgebrachten Exemplare müssen sich allerdings keine Sorgen machen, dass sie in nächster Zeit beim Schlachter landen könnten. Denn sie dienen als Landschaftspflegetiere und stutzen das Gras an Stellen, wo Maschinen nicht hingelangen. „Das ist eine Win-win-Situation für beide Seiten“, so Janetzky-Klein.

Gegen Müll und für die Region

Aus der Gießener Allgemeinen Zeitung vom 24.09.2017

Gießen (rha). Eine Schnur aus Kaffeebechern spannte sich am Samstag vom Kirchturm hinab zu einem Pool aus noch mehr Bechern, in dem zwei blaue Figuren badeten, von denen nur noch die Köpfe herausschauten. Die Botschaft des Kunstwerks lautete: Wir drohen im Müll, der durch Einwegbecher verursacht wird, zu ertrinken. Müllvermeidung war deshalb der besondere Schwerpunkt am »Tag der Regionen«. Außerdem stellten lokale Initiativen, Vereine, Landwirte und Handwerker vor, wie sich Gießen und das Umland stärken lassen, wenn man das Motto »Wer weiter denkt, kauft näher ein« beherzigt.

Ausgetüftelt hatten das Becherkunstwerk die Arbeitsloseninitiative Gießen und die Lokale Agenda 21. Genau 500 »To-Go-Becher« waren an der Schnur aufgefädelt. Genauso viele ließen sich durch einen einzigen Mehrwegbecher einsparen. Schüler der Ricarda-Huch-Schule haben deshalb ein Mehrwegsystem entwickelt, das die beschichteten Pappbecher bald überflüssig machen könnte. Ihre Idee: Man geht am Marktplatz in eine Bäckerei und kauft dort einen Kaffee im Mehrwegbecher. Wenn man ihn am anderen Ende des Selterswegs ausgetrunken hat, kann man den Becher dort in einem anderen Café abgeben. Stadt und die Bäckerinnung wollen die Idee unterstützen.

»300 000 To-Go-Becher werden in Deutschland pro Stunde zu Müll«, sagte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und lobte die gute Idee der Schüler. Auch Walter Kwartnik, der Obermeister der Bäckerinnung Gießen, wies auf die Berge von Müll hin, die täglich entstehen. Deshalb sei für die Innung gleich klar gewesen, dass man den Mehrwegbecher unterstützen werde, erzählte er. »Auch die Gießener Filialbäckereien haben signalisiert, dass sie den Becher einsetzen wollen«, sagte Kwartnik. »Ich hoffe auf einen regen Gebrauch.«

Dass sich in der Region viel bewegen lässt, wenn man auf einfache, altbewährte Ideen baut, zeigten auch die anderen Themen des Tages: Faire Textilien, kreative Upcycling-Ideen für Kleidung und Verpackungsabfall, Lastenräder, Gärtnern ohne Torf, Verschönerungsprojekte für die Stadt, eine Pflanzenbörse, regional erzeugte und vermarktete Energie und Lebensmittel und Schafhaltung. »Das, was von gestern zu sein scheint«, sagte Grabe-Bolz, »kann manchmal genau das Richtige für morgen sein.«

Tag der Regionen auf dem Kirchplatz

Aus der Gießener Allgemeinen Zeitung vom 21.09.2017

Am Samstag, 23. September, wird auf dem Gießener Kirchenplatz ein Aktionstag zum »Tag der Regionen« ausgerichtet. An Informationsständen werben Initiativen, Vereine, Landwirtschaft und Handwerk unter dem Motto: »Wer weiter denkt – kauft näher ein«. Besonderer Schwerpunkt in Gießen ist die Abfallvermeidung. Die Gießener Lokale Agenda 21 wirbt für Alternativen zum millionenfach verbrauchten »To-Go-Becher«.

Der Aktionstag lädt zum Mitmachen ein. Besucher können selbst Haferflocken quetschen, auf Lastenrädern probefahren oder Pflanzen eintopfen und mitnehmen. Wer ein altes T-Shirt mitbringt, kann daraus unter Anleitung eine Tasche oder einen Schal herstellen. Auch Pflanzen können mitgebracht und getauscht werden. Die Gießener Bäckerinnung wird ein besonders urtümliches »Zunftbrot« vorstellen. Das Regierungspräsidium Gießen veranstaltet ein Quiz zum Wochenmarkt.

Aktion gegen »To-go-Becher«

Mittelpunkt des Aktionstag bildet ein Kunstwerk aus »To-go-Bechern«, den die Gießener Arbeitsloseninitiative gestaltet hat. Damit soll auf den hohen Materialverbrauch durch die trendigen Mitnahmekaffe hingewiesen werden – pro Stunde werden in Deutschland über 300 000 To-go-Becher weggeworfen. Auf Anregung eines Schulprojekts der Ricarda-Huch-Schule will die Lokale Agenda 21 als Alternative ein echtes Mehrweg-System etablieren. Die Stadt und die Bäckerinnung haben bereits ihre Unterstützung zugesagt. Ein solches System – es ähnelt dem Mehrwegsystem bei Getränkeflaschen – existiert bereits in einigen deutschen Städten, zum Beispiel in Freiburg.

Eröffnet wird der Tag um 10 Uhr durch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und den Obermeister der Bäckerinnung Gießen. Zum »Tag der Regionen« gibt es rund um das Erntedankfest bundesweit über 900 Veranstaltungen.