So klappt der Unterricht in Gießen in Zeiten von Corona

Die einen sitzen mit einem doppelten Paar Socken und Schal in ihrer Klasse in Gießen, die anderen freuen sich, weil die Luft „noch nie so gut war“: Gießener Schüler schildern ihre Erfahrungen mit geöffneten Fenstern, Herausforderungen im Unterricht und Tücken der digitalen Technik.

Aus dem Gießener Anzeiger vom 22.12.2020
Artikel: Benjamin Lemper
Bild: Symbolfoto Ricarda (nicht original)

GIESSEN – Jetzt ist erst einmal Pause – mindestens bis 10. Januar dauern die Weihnachtsferien. Aber der Kinderschutzbund fordert schon eine Verlängerung. Denn es ist wohl nicht zu erwarten, dass die Zahl der Corona-Infektionen binnen der nächsten drei Wochen wieder signifikant gesunken ist. Für Gießens Schülerinnen und Schüler waren die vergangenen Monate in jedem Fall eine Herausforderung. „Ein neuer Alltag hat sich eingebürgert und damit tauchen neue Probleme auf“, bilanziert der Stadtschülerrat zur Situation in den heimischen Bildungseinrichtungen. Und um herauszufinden, was die jungen Leute hinsichtlich Präsenz- und Distanzunterricht wünschen und was sie sonst noch erwarten, hat das Gremium eine Umfrage durchgeführt. Die Ergebnisse werden momentan ausgewertet. Der Anzeiger hat darüber hinaus selbst einige Schülerstimmen gesammelt. Nicht alle mochten sich namentlich äußern, weil sie befürchten, dies könne sich möglicherweise negativ auswirken.

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Bevorzugt werde ein Mix der angewandten Modelle, berichtet Paul-Henry Bartz über die ersten Tendenzen. Niemand wolle nur zu Hause bleiben oder nur eine Aufteilung in A- und B-Wochen. Ein Präsenzunterricht in Vollzeit werde aus Hygienegründen indes von einer kleinen Mehrheit abgelehnt, so der stellvertretende Stadtschulsprecher. „Die Schulen brauchen nur die rechtliche Erlaubnis, um sich ausprobieren zu dürfen und um in besonderen Zeiten neue Schulkonzepte entwickeln zu können.“ Selbstverständlich sei es wichtig, zwischen Bildung und Gesundheit abzuwägen, „die Meinungen sind da stark gespalten“. Vor allem jenen Schülern, die mehr Hilfe beim Lernen benötigen, fehle der normale Unterricht. Deshalb plädiert Bartz für ein „offenes System“. Gemeint sei damit „eine innovative Idee der Schülervertretung der Gesamtschule Gießen-Ost (GGO), die darauf abzielt, dass alle kommen dürfen, die Probleme in einem Fach haben“. Einige Schüler würden zwar den Ist-Zustand begrüßen, der Großteil der Schülervertretungen erachte die Maßnahmen jedoch als zu milde. Auf Kritik stoßen zudem die „weiterhin überfüllten Busse“, wodurch sich die Gefahr einer Ansteckung erhöhe. Dann bringe es nämlich nichts, wenn sich die Schulen gegen die Ausbreitung des Coronavirus wappnen. Aus diesem Grund setzt sich der Stadtschülerrat im Fahrgastbeirat von Stadt und Kreis für mehr Busse zu den Schulzeiten ein.

Und dann noch das leidige Thema Digitalisierung: „An vielen Schulen mangelt es nach wie vor an gutem Internet und mobilen Geräten. Wenn Geld in die Wirtschaft fließt, kann auch Geld in die Bildung fließen“, appelliert Emil Jakobi von der Ricarda-Huch-Schule. Obendrein seien nicht alle daheim ausreichend ausgestattet. Mit Nachdruck mahnt Tom Dyllus: „Es darf nicht noch einmal passieren, dass Schüler ihre Arbeitsblätter mühsam vom kleinen Smartphone abschreiben müssen.“*Ole Tessmer, Sophie-Scholl-Schule (9. Klasse): „Mit dem Corona-Konzept bin ich an unserer Schule sehr zufrieden. Das Lüften läuft problemlos ab. Es gibt ein paar Kinder, die sich eine Jacke oder eine Mütze anziehen. Die Atmosphäre im Unterricht ist sehr gut, wir lernen trotz Maske etwas. Das ‚Homeschooling‘ läuft noch nicht so ideal, was aber eher an der Einstellung der Schüler liegt. Die technischen Mittel wie Tablets oder Laptops wurden bereitgestellt und an jene Schüler verteilt, die selbst keine haben oder sie sich nicht leisten können. Die Digitalisierung ist an unserer Schule dadurch in den vergangenen Monaten deutlich vorangeschritten. Auch ist im Vergleich zum ersten ‚Homeschooling‘ eine ganz klare Verbesserung zu erkennen, weil sich auch die Lehrer besser darauf vorbereitet haben.“

Stergios Svolos, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium (LLG): „Nach meinem Eindruck ist das LLG die Schule mit dem meisten Präsenzunterricht in der Oberstufe. Der Vorteil: Wir haben in diesem Jahr keinen Abi-Jahrgang, weil die derzeitigen Q2er der erste G9-Jahrgang sind. Organisiert ist das so, dass unsere Lehrer den Raum wechseln müssen. Sprich: Eine Klasse bekommt einen neuen Arbeitsauftrag, während die andere Klasse den alten bespricht. Dann erhalten auch diese Schüler die neuen Aufgaben und die anderen sind mit Besprechen dran. Natürlich sind die Lehrerinnen und Lehrer ansprechbar, selbst wenn sie sich um die andere Klassenhälfte kümmern. Dieses System hat dennoch seine Tücken: Je nach Fach ist das Konzept kritisch zu betrachten. Denn vor allem bei den Naturwissenschaften oder in den Sprachen ist die Anwesenheit des Lehrers enorm wichtig. In meinem Mathe-Leistungskurs bin ich wiederum sehr positiv überrascht worden: Uns werden Aufgaben gestellt, die wir digital lösen müssen. Also bereiten wir uns bereits zuhause für die Stunde vor. Das macht unseren Unterricht mithilfe von Technik um ein Vielfaches effizienter. Ich sehe darin eine Chance, dass wir in Zukunft sehr viel ändern können. Die Corona-Krise hat auch neue Strategien des Lernens und des Lehrens aufgezeigt. Diese Chancen müssen genutzt werden. Es hilft nichts, immer nur zu sagen, das Glas sei halb leer.“

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Schülerin der Willy-Brandt-Schule: „Ein Lehrer oder ein Schüler hat zuletzt immer einen Wecker gestellt, damit pünktlich gelüftet wird. Mein ‚Schuloutfit‘ besteht meistens aus: doppelten Socken, Strumpfhose, Hose, zwei Pullovern, Jacke, Schal und Handschuhen. Manche haben auch Decken dabei. Dass wir alle mit Abstand zueinander sitzen und Masken tragen, hat zur Folge, dass man sehr laut sprechen muss. Diejenigen Schüler mit einem nicht so ‚lauten Organ‘ sind nur sehr schwierig bis unmöglich zu verstehen. Jeder beachtet die Regeln, nur in den Pausen funktioniert das nicht optimal. Der Lernstoff bereitet uns nicht mehr Probleme als sonst. Die Lehrerinnen und Lehrer haben sich gut mit der Situation arrangiert und sind offen dafür, ihren Unterricht passend zu gestalten. Wenn es zum Beispiel das Wetter zugelassen hat, sind wir beim Sport raus zum Nordic Walking. Einige Lehrer ziehen aber wie gewohnt ihr Ding durch – so wie es für sie am ‚bequemsten‘ ist. Was die Digitalisierung betrifft, hat sich nichts wirklich verbessert. Bei Videokonferenzen bricht die Verbindung häufiger ab, wenn sie überhaupt zustande kommt. Ohnehin müssten Schüler und Lehrer intensiver für den Umgang mit digitalen Medien vorbereitet werden. Andererseits wird die Willy-Brandt-Schule gerade umgebaut; danach klappt das vielleicht eher mit dem Internet. Als äußerst fragwürdig empfinde ich, dass Schüler immer den Raum wechseln müssen. Es wäre sinnvoller, eine klare Trennung pro Klasse zu haben. Dann hätten wir weniger Bewegung auf den Fluren und würden das Infektionsrisiko reduzieren.“*Sophie Schmidt, SV der Anne-Frank-Schule Linden: „An meiner Schule halten sich die Schülerinnen und Schüler ziemlich gut an die Corona-Regeln. Die Masken werden aufgesetzt, wobei das nicht jedem immer so leicht fällt. Nach einer gewissen Zeit, insbesondere während einer Klausur, wird das zu einer echten Herausforderung. Einige Mitschüler klagen darüber, schneller müde und erschöpft zu sein. Man merkt, dass die Konzentration nachlässt. Um das auszugleichen, hilft das Lüften ein wenig. Obwohl, das ist auch schon wieder so eine Sache: Bei manchen Lehrerinnen und Lehrern stehen die Fenster teils eine Doppelstunde lang offen. Währenddessen läuft die Heizung auf höchster Stufe und die Schüler frieren trotzdem. Das sind aber nur Einzelfälle.“*Junis Poos, Schulsprecher der GGO: „Bei uns klappt es mit dem Lüften ganz gut, die Lehrerinnen und Lehrer halten sich an die Vorgaben. Manche Schülerinnen und Schüler sitzen, sobald die Fenster geöffnet sind, mit Winterjacke da, auf Handschuhe oder Schals haben sie verzichtet. Aber man muss schon sagen: So gute Luft war in den Klassenräumen bisher noch nie. Der aktuelle Wechselwochenunterricht und die Maskenpflicht haben uns eine gewisse Sicherheit gegeben, die nicht zu unterschätzen ist. Einigen würde es trotzdem helfen, wenn die ‚Homeschooling‘-Phasen besser verteilt oder kürzer wären. Dazu haben wir zum Beispiel ein Konzept auf wirsindschule.ggosv.de entwickelt.“

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Schülerin aus der Q1 der Ricarda-Huch-Schule: „Jeder Klassenraum wird regelmäßig gelüftet, ungefähr alle 20 Minuten. Manche Lehrer haben netterweise Decken mitgebracht. Durch die Masken sind die Mitschüler leider schlechter zu hören. Nervig ist auch, wenn die Masken nass werden oder die Brille beschlägt. Bei Klausuren ist das ein Nachteil. Aber man gewöhnt sich dran, und es dient ja unserem Schutz. Meistens arbeiten alle gut mit. Sicher gibt es immer Schüler, die die Coronazeit eher als Pause begreifen und nichts mehr für die Schule tun. Generell wird mehr mit Technik gearbeitet. Wie gut insgesamt der Lernstoff bewältigt werden kann, hängt jedoch vom Fach und vom Lehrer ab. Wer ein Fach versteht, hat kein Problem, gut mitzukommen. Wenn allerdings Klärungsbedarf besteht, ist es schwieriger, nochmal gezielt Fragen zu stellen. Mehrere Schüler haben sich beschwert, dass jetzt viel mehr Aufgaben zu lösen seien als man eigentlich in der Schule schaffen würde. Hier sollte stärker auf die Meinung der Schüler geachtet werden. Und es muss gewährleistet sein, dass das, was zu Hause erledigt worden ist, auch richtig verstanden wurde.“

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