Ricarda-Huch-Schule in Gießen: Leiter Werner Nissel geht in Ruhestand

Aus dem Gießener Anzeiger vom 21.06.2018
Text: Benjamin Lemper
Bild: Friese

GIESSEN – Auf der Zielgeraden wird es für Werner Nissel dann schon auch emotional. „Das macht etwas mit einem“, gesteht der 65-Jährige. Wer soll es ihm verdenken: Nach Stationen in Kirchhain und Bebra hat er nun ein Vierteljahrhundert an der „Ricarda“ verbracht, zunächst als Lehrer für die Fächer Mathe und Deutsch, seit 1998 als stellvertretender Leiter und seit 2009 an der Spitze der Kooperativen Gesamtschule. Heute wird er in den Ruhestand verabschiedet. „Das waren spannende Zeiten. Kein Tag ist wie der andere, ständig gibt es neue Überraschungen und Herausforderungen“, bilanziert Nissel im Interview mit dem Anzeiger. Wichtig sei ihm dabei stets gewesen, den Hauptschüler genauso wertzuschätzen wie den Gymnasiasten. Nun sei er dankbar, die Verantwortung weiterreichen zu können. Um die Zukunft der „Ricarda“, die unter anderem als Kulturschule und MINT-freundliche Schule zertifiziert ist, ist dem Pädagogen ohnehin nicht bange. „Wir haben die Schulentwicklung ganz ordentlich vorangebracht und sind in einer super Verfassung.“

Waren Sie eigentlich selbst ein guter Schüler?

Ich denke schon, wenngleich die Noten strenger waren – eine 3 war im Prinzip schon gut. Einser-Durchschnittsabiture existierten nicht.

Was hat seinerzeit den Ausschlag gegeben, der Schule „treu“ zu bleiben und Lehrer werden zu wollen?

Ich hatte ja den mathematisch-naturwissenschaftlichen Schulzweig gewählt und danach überlegt, entweder ein Ingenieur-Studium zu ergreifen oder Lehrer zu werden. Und da ich die Vorstellung hatte, als Ingenieur vielleicht doch nur am Schreibtisch zu sitzen und vor mich hin zu konstruieren, entschied ich mich für den Lehrerberuf, weil ich mehr mit Menschen zu tun haben wollte.

Und wie haben Sie schließlich Ihre Rolle als Schulleiter verstanden?

Mit meinem Kollegium habe ich immer versucht, in eine produktive Beziehung zu treten. Mein Credo war, die vielen Ideen der Lehrer aufzugreifen und zu unterstützen. Nicht nur zu sagen: Ich bin der Chef und ich hätte gern dies und das. Das hat auch der Schule gut getan. Beispielsweise ist die Entwicklung zur Kulturschule, um den Künsten mehr Raum zu gewähren und ästhetische Zugänge zu fördern, ganz stark aus dem Kollegium hervorgegangen.

An der „Ricarda“ gilt das Leitbild „Miteinander, Füreinander, Voneinander“. Wie wird das im schulischen Alltag mit Leben gefüllt?

Das bedeutet zum einen, dass uns ein Hauptschüler mit eventuell persönlichen Bürden genauso wichtig ist wie ein Einser-Abiturient. Beide sollten die gleiche Wertschätzung und Anerkennung bekommen. Es gibt daher auch nicht Haupt-, Realschul- und Gymnasiallehrer, sondern ein Kollegium. Wir kriegen da eine große Geschlossenheit hin. Der gesamte Umgang in der Schulgemeinde ist durch das „Miteinander, Füreinander, Voneinander“ geprägt. Gerade bei Abschlussfeiern oder in Abiturreden haben die Schüler immer wieder von sich aus bestätigt, dass dies keine hohle Phrase geblieben sei, sondern in besonderem Maße gelebt werde. Auch die Eltern bringen sich sehr aktiv ein, bei Projekttagen, Schulfesten oder Sponsorenläufen. Nicht zuletzt der schöne Schulgarten ist durch Elterninitiativen aufgeblüht.

Wie sehr hat sich die Schule denn in all den Jahren gewandelt?

Anfang der 90er bin ich hergekommen, da besuchten circa 650 Schüler die „Ricarda“ – heute sind es über 1300. Die Schule ist unglaublich gewachsen. Damit einher geht eine noch nie da gewesene Vielfalt im Unterrichtsangebot. Zu nennen ist zum Beispiel das Darstellende Spiel, das wir enorm erweitert haben und das inzwischen sogar Abiturprüfungsfach ist.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Dass wir seit Jahren eine gut funktionierende Schulpartnerschaft mit der Eldad Highschool in Netanya (Israel) pflegen. Das ist ein absolutes Highlight. Wenn ich an den Holocaust denke oder unmögliche Äußerungen über das „Denkmal der Schande“, vom „Vogelschiss“ möchte ich da gar nicht sprechen, halte ich das immer noch nicht für selbstverständlich. Dabei handelt es sich nicht um einen reinen Schüleraustausch. Junge Deutsche und junge Israelis arbeiten hier zusammen und bestimmen selbst die Themen, mit denen sie sich beschäftigen möchten – getreu dem Anspruch: „Remembering the past, making plans for a better future.“ Erinnere Dich an die Vergangenheit, mach‘ Pläne für eine bessere Zukunft. Das ist sicher deutschlandweit ein Leuchtturmprojekt.

In Deutschland müssen sich die Kinder nach der vierten Klasse für eine Schulform entscheiden. Viele halten das für zu früh. Bei Ihnen ist die Orientierungsstufe in der fünften und sechsten Klasse noch als eine Art Puffer zwischengeschaltet. Wie sinnvoll ist das?

In der Tat ist es für viele Kinder gut, nicht schon nach der vierten Klasse wählen zu müssen. Bei uns werden zunächst alle Klassen der Jahrgangsstufen fünf und sechs nach der gymnasialen Stundentafel unterrichtet. Und jede Klasse hat ein besonderes Profilfach mit zwei Lehrkräften und zwei zusätzlichen Unterrichtsstunden: Theater, Musik, Kunst, Naturwissenschaft oder „Sport aktiv“. Wir schaffen so gleichzeitig eine Klassenidentität. Und die Kinder haben von der Grundschule einen gleitenden Übergang. Aber ab der siebten Klasse brauchen wir unterschiedliche Schulzweige, weil die Lernpersönlichkeiten sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und die Leistungsfähigkeit auseinanderstrebt.

Hat sich das dreigliedrige Schulsystem – denn auch das ist umstritten – aus Ihrer Sicht bewährt?

Ich bin für Schulformenvielfalt. Das können auch andere Konzepte wie Waldorf oder Montessori sein. Ein konstruktiver, positiver Wettbewerb hilft nämlich, die Qualität von Schule zu steigern. Mein Gymnasialzweig etwa muss so gut sein wie an einem Gymnasium – oder besser. In Gießen können Eltern aber insgesamt eine gute Auswahl treffen.

Ist Schule gerecht?

Obwohl wir schon seit über 40 Jahren Gesamtschulen haben, ist ja nachgewiesen, dass Chancengleichheit nicht vorhanden ist. Das ist bitter. Eine besondere Chance liegt meines Erachtens im gezielteren Ausbau der Ganztagsschulen, um Kinder in ihren Förderungsmöglichkeiten noch unabhängiger von ihrem Elternhaus zu machen.

Der Alltag wird zunehmend digitaler. Halten Schulen hier Schritt?

Die Schulen halten mit, der Schulträger schwächelt beziehungsweise wartet noch auf zugesagte Bundesmittel. Wir haben Konzepte für die digitale Bildung, wir haben einen Medienentwicklungsplan. Wir haben ein ganz klares Unterrichtsangebot für Informatik in der Oberstufe sowie für die Computergrundausbildung in der Sekundarstufe I. Wir haben die „Digitalen Helden“, um Schüler sicher auf dem Weg in die digitale Welt zu begleiten. Standard sollten in allen Räumen ein Beamer und eine weiße Wand sein. Leider ist das noch nicht der Fall. Was wir brauchen, ist zudem ein Glasfaseranschluss, um das WLAN auch vernünftig nutzen und auch mal ganz spontan Daten im Internet recherchieren zu können.

Was die digitale Ausrichtung angeht, haben Sie ja durchaus schon mal eine Vorreiterrolle innegehabt…

Ja, in den 80ern habe ich in meiner damaligen Schule in Nordhessen mit Hilfe der Elternschaft und einer Spende von 10 000 D-Mark den ersten Computerraum – das waren noch C64 – eingerichtet. Lehrer wie ich haben in Hessen das Fach Informatik von unten aufgebaut. Erst nachdem das geschehen ist, hat man auch in Wiesbaden die Bedeutung erkannt.

Und was haben Sie sich nun für Ihren Ruhestand vorgenommen?

Ich werde mit Schule einen klaren Schnitt machen und will mich Neuem öffnen. Meine Tochter hat mir zu meinem 65. Geburtstag eine lebenslange Mitgliedschaft in einem großen deutschen Naturschutzverband geschenkt. Auch im Kinderschutz möchte ich mich ehrenamtlich engagieren. Denn noch immer brauchen viele Kinder Unterstützung.

 

NACHFOLGE

Das Verfahren für die Nachfolge läuft noch. Voraussichtlich bis zu den Herbstferien soll die Stelle des Schulleiters wieder besetzt sein, teilt das hessische Kultusministerium mit. Beworben hat sich auch Nissels bisheriger Stellvertreter Peer Güßfeld. Wie aus Schulkreisen zu hören ist, soll er der einzige Bewerber sein. „Ich schätze ihn sehr und würde mich freuen, wenn ihm die Aufgaben übertragen würden“, sagt der künftige Ruheständler. (bl)

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