Drei Schulformen unter einem Dach

Aus der Gießener Allgemeinen.
Text: Armin Pfannmüller
Bild: Schepp

Am 1. August kann Werner Nissel ein Jubiläum feiern. Der Oberstudiendirektor ist dann genau 25 Jahre an der Ricarda-Huch-Schule. Das Dienstjubiläum wird für den Schulleiter gleichzeitig zum Ende einer Ära. Nissel wird zum Schuljahresende in den Ruhestand verabschiedet.

Dass er überhaupt Lehrer geworden ist, war alles andere als selbstverständlich. Fast hätte Werner Nissel (65) ein Ingenieurstudium angetreten, hat sich aber schließlich doch für das Gymnasiallehramt entschieden. Warum er diesen Schritt nie bereut hat, woran die Laufbahn als Lehrer fast doch noch gescheitert wäre und was er sich für die Ricarda-Huch-Schule in Zukunft wünscht, berichtet der dienstälteste Leiter einer Gießener Oberstufenschule im GAZ-Interview.

Herr Nissel, ist Lehrer für Sie ein Traumberuf?

Werner Nissel: Mittlerweile schon. Nach Schule und Studium hat sich nicht unbedingt abgezeichnet, dass ich in der Schule lande. Eigentlich wollte ich Ingenieur werden, dann bin ich aber doch auf das Lehramt für Gymnasien umgeschwenkt.

Damit war der Weg doch vorgezeichnet.

Nissel: Das könnte man denken. 1984 nach dem Referendariat habe ich allerdings – wie so viele andere auch – keine Stelle bekommen. Eine Woche vor dem Ende der Sommerferien war ich dann der eine unter 100 Bewerbern, der eine Einstellung erhalten hat – an der Brüder-Grimm-Schule in Bebra.

Hatten Sie einen Plan B in der Schublade?

Nissel: Wenn der Anruf damals nicht gekommen wäre, wäre ich wahrscheinlich im IT-Bereich in der Wirtschaft gelandet.

Haben Sie Ihr Faible für EDV auch in der Schule genutzt?

Nissel: Aus Mitteln der Elternspende habe ich damals in Bebra für 10 000 Mark den ersten Computerraum der Schule eingerichtet.

Als echter Schlammbeiser wollten Sie aber wahrscheinlich nicht auf Dauer im Nordosten Hessens bleiben, oder?

Nissel: Nach vier Jahren in Bebra konnte ich 1988 nach Gießen an die Abendschule wechseln. Es war eine interessante Erfahrung, als Lehrer in der Erwachsenenbildung zu arbeiten. Allerdings war es schwierig, die familiären Bedürfnisse mit den abendlichen Unterrichtszeiten in Einklang zu bringen.

Das klingt nach einem weiteren Wechsel …

Nissel: Am 1. August 1993 habe ich als Studienrat an der Ricarda-Huch begonnen. Zum Schuljahresende bin ich 25 Jahre an der Schule, davon 20 Jahre in der Schulleitung.

Sie sind also zügig auf der Karriereleiter nach oben geklettert?

Nissel: Ich habe mich damals als Studienrat für die stellvertretende Schulleitung beworben und bin ausgewählt worden. Als ich im Sommer 1998 die Stelle angetreten habe, ist der damalige Direktor Klausjürgen Bernard in den Ruhestand gegangen und ich war Schulleiter und Stellvertreter in einem.

Sie leiten in Gießen die einzige kooperative Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Was schätzen Sie an dieser Schulform?

Nissel: Ich bin für Schulformvielfalt. Eine Schule sollte Zweige für alle Schüler anbieten – alle drei Schulformen unter einem Dach. Ein Hauptschüler sollte dabei die gleiche Anerkennung erhalten wie ein Einser-Abiturient. Aus diesem Grund ist die kooperative Gesamtschule für mich die beste Schulform. Wir sind hochkooperativ.

Was bedeutet das?

Nissel: Das heißt, dass wir eine hohe Durchlässigkeit zwischen den gegliederten Schulzweigen haben, die wir ab der 7. Klasse anbieten. Schule soll in einer humanistischen Tradition stehen und an die Ideen der Reformpädagogik anknüpfen. Das kann nur eine Schule für alle sein. Das kommt auch in unserem Leitbild zum Ausdruck: Miteinander. Füreinander.Voneinander.

Zum Abschied gehört meistens auch ein Blick zurück. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Nissel: Die Schule ist in hervorragendem Zustand. Sie hat sich von einer Bildungsstätte mit 650 Schülern zu einer kooperativen Gesamtschule mit 1300 bis 1400 jungen Leuten entwickelt. Wir sind mittlerweile mit den Zertifikaten Kulturschule, MINT-freundliche Schule und selbstständige allgemeinbildende Schule ausgestattet.

Was wünschen Sie Ihrer Schule für die Zukunft?

Nissel: Es wäre an der Zeit, dass die Stadt das Problem der fehlenden Sporthallenkapazität endlich löst. Auch in der IT-Ausstattung hängen wir um Jahre zurück. Ich wünsche mir außerdem, dass sich unser Kollegium weiterhin durch große Vielfalt auszeichnet und dass es bei wichtigen Richtungsentscheidungen auch künftig große Geschlossenheit zeigt.

Wird man den ehemaligen Schulleiter Nissel auch künftig an der »Ricarda« sehen?

Nissel: Es wird einen klaren Cut geben. Meine Tochter hat mir eine lebenslange Mitgliedschaft in einem großen deutschen Naturschutzverband geschenkt. Ich werde außerdem versuchen, mich ehrenamtlich für junge Leute zu engagieren, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Außerdem bin ich schon immer ein Fan der Stadt Gießen. Es ist toll, hier zu leben. Und im Sport wird mein Herz selbstverständlich auch im Ruhestand für die Gießen 46ers und die Fußballer von Eintracht Frankfurt schlagen.

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