Experiment in der Schule: Wie lebe ich mit Behinderungen?

Aus der Giessener Allgemeinen vom 05.10.2017
Text: Armin Pfannmüller
Bildquelle: Schepp (Der Slalom im Rollstuhl gehört zu den acht Stationen des Projekttags an der Ricarda-Huch-Schule.)

»Kann mal jemand Licht machen?«, fragt Marvin genervt. Der Sechstklässler versucht, sich im stockdunklen Raum zu orientieren und eine Schraube zu ertasten. »Wir gucken mit den Fingern«, antwortet Achim Kraft. Das Licht bleibt aus. Kraft ist seit 19 Jahren blind. Er besucht die Stufe sechs der Ricarda-Huch-Schule seit vielen Jahren im Rahmen der Unterrichtseinheit »Menschen mit Behinderung«.

Am Donnerstag hatte der Mann, der regelmäßig »Dark Dinner« veranstaltet, nicht nur Blindenhund Joda mit an die kooperative Gesamtschule gebracht, sondern weitere Experten für unterschiedliche Handicaps. An einem Parcours mit acht Stationen lernten die RHS-Schüler mehr über Gebärdensprache, den Umgang mit dem Rollstuhl, wie man mit einem Blindenstock umgeht, wie man eine Tastatur ohne Hände bedienen kann und wie man im Dunkeln Gehörmemory und Blindendomino spielt oder eine Schraube samt Unterlegscheibe in einem Holzstück befestigt.

Freude statt Mitleid

Zu Gast an der Ricarda-Huch-Schule waren auf Krafts Vermittlung Mitglieder des Vereins »GIPS S&L«. Der Name steht für »Gehandicapten Informatie Project Schoelen Spelen & Leren« und verdeutlicht, dass der Verein in den Niederlanden gegründet wurde. »Wir wollen kein Mitleid, wir wollen Mitfreude«, sagte der 2. Vorsitzende Horst Boltersdorf bei der Begrüßung der Kinder.

Der 65-Jährige ist vor zehn Jahren erblindet und konnte danach seinen Beruf als Manager im Einzelhandel nicht mehr ausüben. Seitdem ist er mit seinem Team in der Region Aachen, dem Sitz des Vereins, zweimal wöchentlich an Schulen unterwegs. »Wir haben im vergangenen Schuljahr mehr als 1000 Kinder und 400 Erwachsene über verschiedene Behinderungen informiert und wie man mit den unterschiedlichen Hilfsmitteln umgehen kann«, berichtete Boltersdorf.

Direkt und ohne Scheu

Das Ziel, Kindern am praktischen Beispiel zu zeigen, wie man mit einer Behinderung leben kann, verfolgt man auch an der Ricarda-Huch-Schule seit Jahren. Die RHS-Lehrkräfte Christine Schäfer und Ralf Kostorz erleben immer wieder, wie Sechstklässler direkt und ohne Scheu mit den unterschiedlichen Handicaps umgehen. Sie lernen im Rollstuhl von Ursula Mühlenbeck, wie man im Sitzen eine Tür öffnet oder einen Bordstein überwindet, erfahren von Chris Faessen, dass 1586 das erste Fingeralphabet erfunden wurde und dass Gebärdensprache national unterschiedliche Ausprägungen hat. »Es kribbelt«, sagt Leon und spürt, wie mit Handschuhen und kleinen Stromstößen die Krankheit Parkinson simuliert wird.

Wenn es nach Achim Kraft geht, bleibt das Gastspiel an der RHS, einem Vorreiter in Sachen Aufklärung und Barriereabbau, keine Eintagsfliege. Der Grüninger (Achim.Kraft@Darkdinner-giessen.de) sucht Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Behinderung, mit denen er ähnlich wie der Verein »GIPS« Informationsbesuche im Raum Gießen anbieten kann.

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