Pfandbecher statt Müllberg

Aus dem Gießener Anzeiger vom 24.09.2017

UMDENKEN „Tag der Regionen“ am Kirchenplatz unter dem Motto „Wer weiter denkt, nutzt Mehrweg“

GIESSEN – (ebp). Aus dem Stadtbild sind sie nicht mehr wegzudenken: Coffee-to-go-Becher, die nur wenige Minuten nach dem Kauf im Mülleimer oder auf dem Gehweg landen. Zum bundesweiten „Tag der Regionen“, der am Samstag auch auf dem Kirchenplatz gefeiert wurde, hatten die Veranstalter 500 der kleinen Umweltverschmutzer fein säuberlich an einer Schnur aufgefädelt und den Stadtkirchturm hinabgeseilt. 500 Einwegbecher – diese Menge an Müll könnte durch einen einzigen Mehrwegbecher ersetzt werden. Und dass die Gießener ihren Kaffee bald nur noch aus den umweltfreundlicheren Mehrwegbechern trinken, darauf hoffen die Schüler der Ricarda-Huch-Schule.

Seit zwei Jahren schon beschäftigen sie sich im Unterricht mit der Wegwerfmentalität innerhalb der Bevölkerung, und was man dagegen tun kann. „Die Menschen möchten es so bequem wie möglich haben“, hat „Ricarda“-Lehrer Christian Schmidt festgestellt. Die eigene Tasse mitbringen oder den Mehrwegbecher wieder bei genau dem Bäcker zurückgeben, wo er auch gekauft wurde? Viel zu kompliziert. „Mehrweg für Gießen“ will mehr. „Sie können Ihren Kaffee bei Bäcker A kaufen und den Becher bei Bäcker B zurückgeben – eben wie bei einer Pfandflasche“, erklärte Michael Bassemir vom „Büro für Bürgerbeteiligung“.

Bäcker machen mit

Dass im Bereich der Einwegbecher ein Umdenken angebracht wäre, das machte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz in ihrer Eröffnungsrede deutlich: „300 000 Becher werden deutschlandweit pro Stunde verkauft – ich wollte es selber nicht glauben.“ Doch von heute auf morgen lässt sich das Mehrwegprojekt nicht umsetzen. „Das ist eine logistische Herausforderung“, gab Walter Kwartnik, Obermeister der Bäckerinnung Gießen, zu bedenken. Doch die Organisation unterstütze das Projekt der Ricarda-Schüler, ebenso wie die Stadt. Auch die angesprochenen Filialbäcker hätten bereits ihre Bereitschaft signalisiert, das System nutzen zu wollen. Etwas aufwändiger sei Mehrweg schon, räumte Christian Schmidt ein. „Aber es ist für einen guten Zweck.“ Noch wird es aber etwas dauern, ehe die Mehrwegbecher tatsächlich beim Bäcker zu finden sein werden – im nächsten Frühjahr aber könnte es so weit sein.

Auch an anderen Ständen stand das Thema Müllvermeidung im Fokus – passend zum Motto der Veranstaltung: „Wer weiter denkt, nutzt Mehrweg“. Das Wohnheim „Sonnenstraße“ aus Biebertal zeigte, wie man aus alten Milchkartons Lampenschirme bastelt. Es lohne sich, einen „Blick in den Gelben Sack zu riskieren, um zu schauen, was noch gebraucht werden kann“, sagte Werkstattleiter Thomas Kompe. Die Agenda-Gruppe „Textilbündnis“ informierte über faire Textilien und hauchte ausrangierten Stücken neues Leben ein. Passanten durften sich außerdem über frisches Grün für die Wohnung oder den Garten freuen. Denn die Agenda-Gruppe „Lokale Gewässer und Gärten“ verschenkte Blumenzwiebeln und Ableger. „Das sind ja auch Lebewesen, die sollte man nicht einfach in die grüne Tonne werfen“, findet Andreas Paetow, der zusammen mit seinen Mitstreitern die Pflanzenbörse organisiert hat. Besonders beliebt, vor allem bei den jungen Besuchern auf dem Kirchenplatz, waren die beiden Rhönschafe, die Christiane Janetzky-Klein im Gepäck hatte. Ihr sei es eine „Herzensangelegenheit, dass die Menschen sehen, dass auch in Gießen Landwirtschaft existiert“. Doch die Tiere seien „Nutztiere und keine Kuscheltiere“ und könnten Fleisch, Wolle und Felle liefern. Die beiden mitgebrachten Exemplare müssen sich allerdings keine Sorgen machen, dass sie in nächster Zeit beim Schlachter landen könnten. Denn sie dienen als Landschaftspflegetiere und stutzen das Gras an Stellen, wo Maschinen nicht hingelangen. „Das ist eine Win-win-Situation für beide Seiten“, so Janetzky-Klein.

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